Studien
- Gewalt und Aggression an Schulen
- Die Bedeutung der Schulklasse als soziale Einheit
- Soziale Beziehungen in multikulturellen Schulklassen
- Das Verhalten von LehrerInnen
- Das Verhalten der MitschülerInnen bei Mobbing-Vorfällen
- Mobbing mit neuen Medien
- Bücher zu Gewalt und Mobbing
- Evaluationsstudien zum WiSK
Gewalt und Aggression an Schulen
Gewalt und Aggression in der Schule ist eine Thematik, mit dem sich das österreichische Bildungssystem in den kommenden Jahren aktiv auseinandersetzen muss, um mit internationalen Entwicklungen mithalten zu können. Obwohl Studien zeigen, dass an österreichischen Schulen etwa jede/r zehnte Schüler/in Opfer von körperlichen Attacken durch MitschülerInnen wird, gibt es in Österreich – im Unterschied zu vielen anderen europäischen Ländern (z.B. Norwegen oder Großbritannien) – keine Präventions- und Interventionsstrategie auf nationaler Ebene. Die Auseinandersetzung mit und die Bekämpfung von Gewalt und Aggression liegt somit in der Verantwortung einzelner SchulleiterInnen und Lehrkräfte, die jedoch derzeit – verglichen mit internationalen Standards – kein ausreichendes Unterstützungssystem in Anspruch nehmen können.
In diesen Studien wird die Situation an österreichischen Schulen hinsichtlich Gewalthandlungen und Maßnahmen zur Gewaltprävention und –intervention kurz beschrieben. Davon abgeleitet werden Voraussetzungen formuliert, die einen effektiveren und nachhaltigeren Umgang mit Gewaltprävention und -intervention gewährleisten.
Strohmeier, D., Atria, M. & Spiel, C. (2005). Gewalt und Aggression in der Schule. Erziehung & Unterricht. Österreichische Pädagogische Zeitschrift, 155 (5-6), 542-547.
Atria, M. & Spiel, C. (2003). Gewaltprävention in Schulen: Ein Bericht aus Österreich. In Smith, P.K. (Ed). Violence in schools: The Response in Europe. London: Routledge.
Die Bedeutung der Schulklasse als soziale Einheit
Die Ergebnisse der angeführten Studien zeigen, dass es enorme Unterschiede in den Prävalenzraten von Bullying (Mobbing) zwischen Schulklassen (oft auch derselben Schule) gibt. Es konnte festgestellt werden, dass es Klassen mit keinem einzigen Opfer sowie Klassen mit bis zu 6 Opfern und TäterInnen gibt.
Bullying und Viktimisierung: Jede Klasse ist anders
Es wird eine explorative Studie beschrieben, in der das Auftreten von
Bullying und Viktimisierung in 46 Schulklassen (18 Grundschulklassen
und 28 Hauptschulklassen) in zwei unabhaengigen Studien in Oesterreich
untersucht wurde. An der Untersuchung in Grundschulen nahmen insgesamt
360 Kinder teil, an der Erhebung in den Hauptschulen 549 Jugendliche.
Mobbing wurde als Selbsteinschaetzung ueber den "Olweus Bully/Victim
Questionnaire" erfasst, wobei die Schueler der Grundschule eine
vereinfachte Version bearbeiteten. Die Schueler der Hauptschulen wurden
darueber hinaus gebeten, den Code desjenigen Mitschuelers
aufzuschreiben, der am meisten von der Klasse gemobbt wurde und
desjenigen, der am haeufigsten Taeter war. Die Ergebnisse zeigen, dass
betraechtliche Unterschiede im Vorkommen von Bullying und
Viktimisierung zwischen den Schulklassen bestanden. Diese
Heterogenitaet war unabhaengig von der Erhebungsmethode und von der
Zeitspanne, auf die sich die Schuelerurteile bezogen.
Atria, M., Strohmeier, D. & Spiel, C. (2005). Bullying und
Viktimisierung: Jede Klasse ist anders. In A. Ittel & M. v. Salisch
(Hrsg.), Lästern, Lügen, leiden lassen: Aggression bei Kindern und
Jugendlichen (S. 189-203). Stuttgart: Kohlhammer.
Atria, M., Strohmeier, D. & Spiel, C. (2007). The relevance of the
school class as social unit for the prevalence of bullying and
victimization. European Journal of Developmental Psychology, 4 (4),
372-387
Soziale Beziehungen in multikulturellen Schulklassen
An der Universtität Wien wurden in den letzten Jahren eine Reihe von Studien durchgeführt, um Mobbing sowie rassistische Übergriffe in multikulturellen Schulklassen zu untersuchen.
Soziale Beziehungen in multikulturellen Schulklassen:
Wo liegen die Chancen, wo die Risken?
Schulklassen, die sich aus Schülerinnen und Schülern verschiedener
Herkunftsländer und Muttersprachen zusammensetzen, werden in der
Öffentlichkeit häufig mit Problemen assoziiert. Mangelnde
Deutschkenntnisse, niedriges Leistungsniveau, höhere Aggressionsraten
sind gängige Vorstellungen, die mit multikulturellen Schulklassen in
Zusammenhang gebracht werden. Kindern, die einen Migrationshintergrund
aufweisen wird häufig sozial unangepasstes oder aggressives Verhalten
in der Schule zugeschrieben. Diese negativen Vorstellungen sollen
anhand von Ergebnissen wissenschaftlicher Studien hinterfragt werden.
Die Ergebnisse der Studien verdeutlichen drei Sachverhalte, die sowohl
aus wissenschaftlicher als auch aus praktischer Sicht hoch relevant
sind. Erstens stellte sich heraus, dass die kulturellen oder ethnischen
Gruppenzugehörigkeiten der Kinder bei aggressiven Verhalten in
multikulturellen Schulklassen eine untergeordnete Rolle spielen.
Allerdings zeigte sich zweitens, dass ethnisierte Konflikte von allen
Jugendlichen viel negativer bewertet werden und auch viel leichter
eskalieren als herkömmliche Konflikte. Drittens zeigten die Analysen
enorme Unterschiede in der Zusammensetzung der Freundeskreise in der
Schule bzw. außerhalb der Schule. Verglichen mit den Freundeskreisen
der Kinder mit Migrationshintergrund sind die Freundeskreise der
österreichischen Kinder am stärksten segregiert.
In diesen Studien wird (1) das Thema „Integration“ aus psychologischer
Sicht analysiert indem die Grundgedanken des zweidimensionalen
Akkulturationsmodells zusammengefasst werden. Weiters wird (2) der
Themenkomplex „aggressives Verhallten“ behandelt behandelt und
aktuelle Studienergebnisse aus Österreich vorgestellt. Ein weiteres (3)
Themengebiet befasst sich mit „Freundschaft“ in multikulturellen
Schulklassen. Die Bedeutsamkeit und Relevanz dieser Themengebiete für
die Praxis wird ebenso in den unten angeführten Artikeln dargestellt.
Strohmeier, D. (2007). Soziale Beziehungen in multikulturellen
Schulklassen: Wo liegen die Chancen, wo die Risken? Erziehung und
Unterricht, 157 (9-10), 796-809.
Strohmeier, D., Nestler, D. & Spiel, C. (2006).
Freundschaftsmuster, Freundschaftsqualität und aggressives Verhalten
von Immigrantenkindern in der Grundschule. Diskurs Kindheits- und
Jugendforschung, 1, 21-37.
Strohmeier, D., Atria, M. & Spiel, C. (2005). Bullying und
Viktimisierung in multikulturellen Schulklassen. Wer ist betroffen? Wie
begründen Opfer ihre Erfahrungen? In A. Ittel & M. v. Salisch
(Hrsg.), Lästern, Lügen, leiden lassen: Aggression bei Kindern und
Jugendlichen (S. 204-219). Stuttgart: Kohlhammer.
Strohmeier, D. & Spiel, C. (2003). Immigrant children in Austria:
Aggressive behavior and friendship patterns in multicultural
schoolclasses. Journal of Applied School Psychology, 19 (2), 99-116.
Das Verhalten von LehrerInnen
In diesen Studien wird die Bedeutung der Lehrpersonen für das Entstehen und den Verlauf von Mobbing (engl. Bullying) dargelegt. Es konnte hinsichtlich des Lehrerverhaltens gezeigt werden, dass (1) klare Schulregeln, deren Nichtbefolgung Konsequenzen hat, ein (2) gutes Klassenmanagement, d.h. ein gut strukturierter Unterricht mit klaren Abläufen und Regeln, sowie das (3) konsequente Eingreifen von Lehrerinnen und Lehrern im Ernstfall die Auftretenswahrscheinlichkeit von aggressivem Verhalten und Mobbing reduzieren.
Der Einfluss der Klasse auf Mobbing
An norwegischen Grundschulen wurden die Beziehung zwischen den
Einschätzungen des Klassenmanagements von Lehrern und Lehrerinnen, die
soziale Struktur in der Klasse und das Auftreten von Mobbing in den
Klassen durch Befragung von 2002 Schülern und Schülerinnen sowie 99
Lehrern und Lehrerinnen untersucht. Pfandanalysen zeigten, dass die
soziale Struktur der Klasse das Auftreten von Mobbing direkt
beeinflusst. Das Klassenmanagement beeinflusst auch das Auftreten von
Mobbing und beeinflusst indirekt das Auftreten von Mobbing über die
soziale Struktur in der Klasse. Der gemeinsame Einfluss des
Klassenmanagements und der sozialen Struktur auf Mobbing war
substantiell. Die familiären Verhältnisse der Schüler und Schülerinnen
in den einzelnen Klassenstufen wurden in die Analysen eingeschlossen.
Implikationen für die Prävention von Mobbing durch das allgemeine
Klassenmanagement werden diskutiert.
Roland, E., & Galloway, D. (2002). Classroom influences on bullying. Educational Research, 44/(3), 299-312.
Das Verhalten der MitschülerInnen bei Mobbing-Vorfällen
In den unten angeführten Studien wird der Einfluss des Verhaltens
von Gleichaltrigen auf die Auftretenswahrscheinlichkeit von aggressivem
Verhalten und Mobbing (engl. Bullying) dargestellt. Mobbingepisoden
sind in der Regel kurze Übergriffe, die nur wenige Minuten dauern.
Mobbingepisoden treten häufig gegen Ende der Pausen auf.
In 88% aller Mobbingepisoden sind Gleichaltrige anwesend, diese greifen
aber nur in 19% der Fälle ein. Greifen Gleichaltrige jedoch ein, dann
werden 57% aller Mobbingepisoden sofort gestoppt.
Insgesamt konnte nachgewiesen werden, dass Gleichaltrige während
Mobbingepisoden 54% ihrer Zeit dafür verwenden, aggressives Verhalten
durch Zuschauen passiv zu verstärken, 21% ihrer Zeit mit aktiver
Nachahmung des Täters verbringen und nur 25% ihrer Zeit dafür nutzen,
um einzugreifen oder das aggressive Verhalten zu stoppen.
Die Beteiligung von Gleichaltrigen an Mobbing: Erkenntnisse und Herausforderungen für die Intervention
Es werden die Vorgänge unter Gleichaltrigen untersucht, die während
Mobbingvorfällen auf dem Schulhof auftreten. Diese Vorgänge wurden in
Hinblick auf die soziale Lerntheorie untersucht. Dabei finden die
Effekte der Verstärkung unter Tätern, Opfern und Gleichaltrigen
besondere Beachtung. Es nahmen 120 Schüler und Schülerinnen (1.-6.
Schulstufe) teil, die als Täter und/oder Opfer klassifiziert wurden
oder Vergleichskinder waren. Die Klassifikation wurde durch Selbst-,
Peer- und Lehrernominierungen festgelegt. 53 Abschnitte von
Videoaufnahmen wurden untersucht, jede enthielt eine Gruppe von zwei
oder mehr Gleichaltrigen, die Mobbing am Schulhof sehen. Die
Gleichaltrigen wurden danach eingeteilt, ob sie aktiv am Mobbing
beteiligt sind, oder den Täter passiv verstärken, oder ob sie aktiv
eingreifen und dem Opfer helfen. Im Durchschnitt sehen vier
Gleichaltrige (Range: 2 -14) Mobbingvorfälle. Über alle Mobbingvorfälle
hinweg gesehen, verbringen im Durchschnitt Gleichaltrige 54% ihrer Zeit
damit Täter zu verstärken, indem sie passiv zuschauen, 21% machen das
Verhalten des Täters nach und 25% greifen ein. Ältere Buben (4.-6-
Schulstufe) neigen eher dazu aktiv an Mobbing teilzunehmen als jüngere
Buben (1.-3.Schulstufe) und ältere Mädchen. Jüngere und ältere Mädchen
neigen eher dazu einzugreifen und dem Opfer zu helfen als ältere Buben.
Die Ergebnisse werden als Bestätigungen der zentralen Rollen der
Gleichaltrigen im Schulhof und in Mobbingvorfällen interpretiert.
Implikationen für Interventionen, die Gleichaltrige miteinbeziehen und
Interventionen, die die ganze Schule betreffen werden diskutiert.
O'Connell, P., Pepler, D., & Craig, W. (1999). Peer involvement in
bullying: Insights and challenges for intervention.
Journal-of-Adolescence. Vol 22(4) Aug 1999, 437-452.
Mobbing mit neuen Medien
Cyberbullying: eine weitere Erscheinungsform von Mobbing?
Cyberbullying (=Mobbing mit neuen Medien) ist in letzter Zeit als neue
Erscheinungsform von Mobbing aufgetaucht. Um Cyberbullying und das
Ausmaß von Cyberbullying zu untersuchen, wurden 360 Jugendliche
(zwischen 12 und 20 Jahren) an schwedischen Schulen befragt. Es wurden
vier Kategorien von Cyberbullying (Mobbing mit SMS, Mobbing mit
E-Mails, Mobbing mit Telefonanrufen und Mobbing mit Bildern bzw.
Videoclips) in Zusammenhang mit dem Alter, dem Geschlecht, dem
wahrgenommenen Auswirkungen, der Bereitschaft es anderen zu erzählen
und der Wahrnehmung, ob sich Erwachsene dieser Form von Mobbing bewusst
sind, untersucht. Es gibt ein erhebliches Vorkommen von Cyberbullying
in den unteren Schulstufen des Sekundarbereichs (Unterstufengymnasium),
weniger in den Oberstufenklassen. Die Geschlechtsunterschiede waren
gering. Die Auswirkungen werden für Mobbing mit Bildern und Videoclips
besonders negativ gesehen. Opfer von Cyberbullying entscheiden sich oft
dafür es entweder nur Freunden zu erzählen oder überhaupt für sich zu
behalten. Erwachsene dürften sich also des Ausmaßes an Cyberbullying
nicht bewusst sein, und das wird (mit Ausnahme von Mobbing mit Bildern
und Videoclips) auch von den Schülern und Schülerinnen so wahrgenommen.
Die Untersuchungsergebnisse werden in Verbindung mit Ähnlichkeiten und
Unterschieden zwischen Cyberbullying und den sonst üblichen Formen von
Mobbing diskutiert.
Slonje, R., & Smith, P.K. (2007). Cyberbullying: Another main type
of bullying? Scandinavian Journal of Psychology. Online Early Articles
Published article online: 26-Nov-2007.
http://www.blackwell-synergy.com/doi/full/10.1111/j.1467-9450.2007.00611.x
Bücher zu Gewalt und Mobbing
Mobbing an Schulen. Wie erfolgreich können Interventionen sein?
Das Buch „Mobbing an Schulen: Wie erfolgreich können Interventionen
sein?“ ist eine vergleichende Darstellung großer Interventionsprojekte
gegen Mobbing in Schulen, die von PädagogInnen und WissenschaftlerInnen
seit den 80er Jahren in Europa, Nord Amerika und Australien
durchgeführt wurden. Mobbing an Schulen ist international in den Fokus
des Interesses geraten. Mobbing kann Schüler und Schülerinnen
nachteilig beeinflussen und in Extremfällen sogar zu Selbstmord führen.
Schulen können etwas dagegen unternehmen um Mobbing zu verringern.
Einige Programme stehen dafür bereits zur Verfügung, aber funktionieren
sie? Tatsächlich sind die Erfolgraten sehr unterschiedlich. Dieses Buch
gibt einen Überblick über 13 Studien von 11 Ländern. Basierend auf dem
Prinzip, von Erfolg und Fehlern lernen zu können, untersucht es den
Prozess und die Ergebnisse, und bewertet kritisch die wahrscheinlichen
Gründe für den Erfolg oder den Misserfolg. Mit Beiträgen führender
WissenschaftlerInnen in diesem Bereich, wird das Buch „Mobbing in
Schulen“ ein wichtiger Beitrag zur Auseinandersetzung der Bekämpfung
von Mobbing an Schulen.
Smith, P. K., Pepler, D. & Rigby, K. (2004). Bullying in Schools.
How successfull can interventions be? Cambridge University Press.
Evaluationsstudien zum WiSK
Die Wirksamkeit des Wiener Sozialen Kompetenz Training auf direkte und indirekte Agressivität
Eine Longitudinal-Studie (3 Messzeitpunkte) untersuchte die Effekte des
WiSK, einem 13-wöchigen schulklassenbasierten Training für soziale
Kompetenzen Jugendlicher, auf direkte und indirekte Aggressivität.
Direkte Aggressivität wurde mittels Self-Reports über das Verhalten in
Konfliktsituationen erhoben, indirekte Aggressivität wurde über den IAT
( Implicit-Association-Test) eingeschätzt. Zusätzlich wurden Daten von
Verhaltensbeobachtungen, die von Lehrpersonen und Schüler und
Schülerinnen gemacht wurden, erhoben. Das WiSK wurde in sieben
Schulklassen (N = 177 Schüler und Schülerinnen) implementiert; vier
Klassen waren Kontrollklassen (N = 106 Schüler und Schülerinnen). Die
Daten wurden vor dem WiSK-Training (Pretest), direkt nach dem Training
(Posttest) und vier Monate nach Ende des Trainings (Follow-up) erhoben.
In Pre- und Posttest bestehen keine Unterschiede zwischen den
Trainings- und Kontrollklassen, sehr wohl aber zwischen Posttest und
Follow-up, wo beobachtetes aggressives Verhalten in den Kontrollklassen
anstieg, aber nicht in den Trainingsklassen. Die psychometrischen
Eigenschaften des IAT für die Evaluation von Trainingseffekten wird
diskutiert.
Gollwitzer, M., Banse, R. Eisenach, K. & Naumann, A. (2007).
Effectiveness of the Vienna Social Competence Training on Explicit and
Implicit Aggression. Evidence from an Aggressivness-IAT. European
Journal of Psychological Assessment, 23(3), 150-15.


