Gruppendynamische Aspekte bei Gewalt und Mobbing
- Beziehung zwischen TäterInnen und Opfer
- Beziehung zwischen mehreren TäterInnen und Opfer
- Beziehungen innerhalb einer Klasse und Schule
- Gewalt und Mobbing bei AußenseiterInnen
Fallbeispiel Andreas und Roland
Andreas geht in die 8. Schulstufe und ist 14 Jahre alt. Andreas ist ein wenig älter als die anderen in seiner Klasse, er ist ein guter Schüler und ist bei den Lehrerinnen und Lehrern beliebt. In den Pausen ist Andreas meistens mit Michael, Sebastian, Thomas und Peter zusammen.
Andreas, Michael, Sebastian, Thomas und Peter geben den Ton in der Klasse an. Alle in der Klasse (auch die Mädchen) lieben Basketball, nur nicht Roland. Roland ist nicht gut in Sport. Er ist etwas kleiner und auch etwas schwächer als die anderen. Er interessiert sich für Literatur, genauer gesagt für Gedichte. Sein Interesse wird von niemandem in der Klasse geteilt. Ganz im Gegenteil, Roland wird von seinen Mitschülerinnen und Mitschülern wegen seiner „altmodischen“ Art zu Sprechen oft gehänselt. In der Turnstunde wird er bloßgestellt. Auch der Turnlehrer hat schon einmal mit den anderen mitgelacht, weil sich Roland beim Weitspringen so ungeschickt angestellt hat. Roland wurde von Andreas und seinen vier Freunden auch schon geschubst und gerempelt. Roland fühlt sich in der Klasse nicht wohl. Oft hat Roland in der Früh Bauchweh, bevor er in die Schule geht. Aber das hat Roland noch niemandem erzählt.
Die oben geschilderte Situation stellt einen typischen Gewalt- und Mobbingvorfall dar. Dabei ist sowohl die Beziehung zwischen TäterIn und Opfer von großer Bedeutung aber auch in einen hohen Ausmaß das nähere soziale Umfeld, in dem Gewalt und Mobbing vorkommen.
Beziehung zwischen TäterInnen und Opfer
Bestimmte SchülerInnen haben ein höheres Risiko von TäterInnen ausgewählt zu werden als andere. TäterInnen wählen solche SchülerInnen als Opfer aus, von denen sie am wenigsten Widerstand erwarten (z.B. weil sie verletzlich sind und niemanden haben, der ihnen helfen könnte). Vielen Tätern gibt es eine große Bestätigung, wenn sie das Opfer einschüchtern und dominieren können. Daher wählen diese Täter genau solche Personen aus, bei denen dies möglich ist.
Beziehung zwischen mehreren TäterInnen – Opfer
Gewalt und Mobbing können den Gruppenzusammenhalt stärken sowie das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gruppe (oder einer Einzelperson) erhöhen. Das gemeinsame Schimpfen über eine nicht anwesende dritte Person, erzeugt ein Gefühl der Verbundenheit und Zugehörigkeit der Schimpfenden. Dieses Verhalten ist alltäglich. Zu Gewalt und Mobbing wird es erst dann, wenn es nicht bei diesem einmaligen Schimpfen bleibt, sondern wenn es sich um wiederholte, absichtliche Attacken handelt, um eine Person zu verletzen. Dieses Gefühl der Zugehörigkeit sowie die Stärkung des Gruppenzusammenhalts sind Mechanismen, die den Gewalt- und Mobbingprozess anfachen und aufrechterhalten.
Beziehungen innerhalb einer Klasse und Schule
Ein weiterer Mechanismus, der Gewalt und Mobbing aufrechterhält, ist soziale Anerkennung des Verhaltens. Wenn es für den Täter (oder die Täterin) möglich ist, durch das Mobben einer Mitschülerin oder eines Mitschülers Anerkennung im sozialen Umfeld zu erhalten, wird der Täter (oder die Täterin) dieses Verhalten aufrechterhalten. Wird das Verhalten vom sozialen Umfeld jedoch konsequent abgelehnt, wird es der Täter (oder die Täterin) in Zukunft nicht mehr ausführen.
Zum sozialen Umfeld in der Schule zählen Lehrerinnen und Lehrer sowie MitschülerInnen. Das Verhalten von einzelnen „Tätern“ und „Opfern“ ist in dieses soziale Umfeld eingebunden und wird auch von ihm mitbestimmt. Je nachdem, wie sich Lehrerinnen und Lehrer, anwesende Gleichaltrige bzw. die ganze Klasse bei aggressiven Auseinandersetzungen verhalten, wird aggressives Verhalten einzelner Schülerinnen und Schüler gestoppt oder verstärkt.
Studienergebnisse zu "Soziales Umfeld und Mobbing"
Gewalt und Mobbing bei AußenseiterInnen
Außenseiterinnen oder Außenseiter sind unbeliebte Schülerinnen oder Schüler, die von der Mehrheit ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler abgelehnt werden. Obwohl Ablehnung und Mobbing oft gemeinsam auftreten, handelt es sich um zwei separate Phänomene, die man unterscheiden muss:
- Eine Außenseiterin oder ein Außenseiter wird von der Mehrheit der Mitschülerinnen abgelehnt.
- Mobbing beschreibt absichtliche, systematische und über einen längeren Zeitraum andauernde negative Verhaltensweisen, um eine Mitschülerin oder einen Mitschüler zu quälen und fertig zu machen.
Nicht jeder Außenseiter wird gemobbt, aber viele gemobbte Kinder werden von der Gruppe abgelehnt.
Abgelehnte Schülerinnen und Schüler haben ein höheres Risiko als beliebte Schülerinnen und Schüler gemobbt zu werden. Dies hat viele Gründe:
- Abgelehnte Schülerinnen und Schüler sind leichte Opfer, da sie meist niemanden haben, der sie unterstützt und gegen gemeine Attacken der anderen in Schutz nimmt.
- Abgelehnte Schülerinnen und Schüler sind leichte Opfer, weil sie oft Eigenschaften aufweisen, die nicht der Gruppennorm entsprechen (vgl. Beispiel Roland).
- Abgelehnte Schülerinnen und Schüler sind leichte Opfer, weil sie auf Übergriffe häufig nicht adäquat reagieren können (weil sie z.B. sozial unsicher sind, Angst haben, ihre Grenzen nicht verteidigen können, etc.).
Ablehnung kann daher eine Vorstufe von Gewalt und Mobbing darstellen und sollte von Erwachsenen ernst genommen werden!


